Am 5. August 1899 wurde Mart (Martinus Adrianus) Stam in Purmerend (Holland) geboren. Nach dem Erwerb eines Zeichenlehrerdiploms arbeitete er von 1919 bis 1922 im Büro von Granpré-Molière, Verhagen und Kok in Rotterdam. Stam siedelte 1922 nach Berlin über, arbeitete u.a. bei H. Poelzig und M. Taut. Hier begegnete er im gleichen Jahr El Lissitzky, dem er bis zu dessen Tode freundschaftlich verbunden blieb. Lissitzkys Architektur- und Gesellschaftsvisionen blieben nicht ohne Einfluss auf Stams funktionalistische und sozialethische Prinzipien des Neuen Bauens, wie er sie in Beiträgen europäischer Avantgardezeitschriften der 20er Jahre vertrat, in »i 10«, in »Wendingen«, in »Das neue Frankfurt« und nicht zuletzt in einer der bekanntesten: in »ABC - Beiträge zum Bauen«, die Stam selbst zusammen mit H. Schmidt und E. Roth von 1924 bis 1928 herausgab. Stams hoher Bekanntheitsgrad als Erneuerer der Architektur ist von seiner publizistischen Tätigkeit nicht zu trennen.

1926 lud Mies van der Rohe neben dem damals bereits etablierten Architekten J. J. P. Oud Stam als zweiten holländischen Vertreter zur Beteiligung an der Bauausstellung des Deutschen Werkbundes am Stuttgarter Weißenhof ein. Stam konnte mit seinem Reihenhaustyp für die Weißenhofsiedlung erstmals eine Vorstellung von »konstruktiv-notwendiger« Gestaltung realisieren. Mit seiner Innenraumausstattung des Hauses Nr. 28 präsentierte Stam der Öffentlichkeit eine Variante eines 1926 entwickelten hinterbeinlosen Gasrohrstuhls, ein Stuhl, der Geschichte machte; für ihn selbst ein Experiment auf dem Wege industriell und seriell herstellbarer Alttagsmöbel für jedermann. Stam argumentierte niemals nur ästhetisch, technik- und materialbezogen wie viele Verfechter moderner Gestaltung. Seine Forderung nach Rationalisierung der Gestaltungsweisen, nach dem »Minimum-Maß«, war eine Forderung nach dem »Menschenmaß«.

Stam gehörte 1928 zu den Wortführern des CIAM-Kongresses, die die Probleme des Massenwohnungsbaus allen baukünstlerischen Fragen voranstellten und folgerichtig die allgemeine Wirtschaftlichkeit des Bauens an die erste Stelle ihrer Abschlusserklärung setzten. Ernst May, der Leiter des Frankfurter Hochbau- und Siedlungsamtes und Initiator des Projekts »Das Neue Frankfurt«, ermöglichte Stam 1928 nach dem CIAM-Kongress die praktische Umsetzung seiner städteplanerischen Ideen durch den Auftrag zum Bau der Hellerhofsiedlung mit 800 Wohnungen. Stam war bei seinem Thema angekommen: dem funktionalen und sozialen Wohnbedarf für das Existenzminimum. Die Vollendung des letzten Bauabschnitts verlief jedoch nicht mehr unter Stams Regie. 1930 verließ er Frankfurt und fuhr mit der Architektengruppe um Ernst May in die UdSSR, um sich an den großangelegten Städteplanungen für Magnitogorsk, Makejevka und Orsk zu beteiligen. Stam verließ die Sowjetunion 1934 wieder, da er bei aller Neigung zu einem asketischen Funktionalismus nicht bereit war, seine soziale Verantwortlichkeit als Architekt den pragmatischen und technokratischen Forderungen der dortigen Architekturpolitiker zu opfern.

Zusammen mit seiner damaligen Frau Lotte Beese und W. van Tijen gründete Stam nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion in Amsterdam ein Architekturbüro, trat der Gruppe »De8« bei und wurde 1935 Mitglied des Redaktionsteams von »De8 en opbouw«. 1946 gab er mit H. Jaffé, H. P. Kloos, G. Rietveld u.a. die Zeitschrift »Open Og« heraus.

Von 1939 bis 1948 war Stam Direktor des »Instituut voor Kunstnijverheidsonderwijs«, der nachmaligen Rietveld-Akademie. Seit seiner Rückkehr aus der UdSSR hatte sich Stams Architekturbüro zwar an zahlreichen Wettbewerben beteiligt, große Aufträge aber blieben aus. Zu den wenigen realisierten Projekten gehören die Amsterdamer Reihenhäuser »Drive-in-Flats« von 1936. In Reduzierung des Bauprogramms auf einfache Raum- und Körpersysteme entsprachen sie Stams Streben nach zweckmäßiger Konstruktion. Jedes der fünf Reihenhäuser besaß im Erdgeschoss eine eigene Garage. Obgleich in dieser, für die damalige Zeit bemerkenswerten Lösung individueller Mobilitätsansprüche Stams avantgardistische Vision urbaner Lebensformen aufscheint, konnten die »Drive-in-Flats« seinen »kollektivistischen« Intentionen der 20er Jahre kaum gerecht werden. Die Reihenhäuser waren Privatwohnungen für den gehobenen Mittelstand, entsprachen dem Bedürfnis nach individuellem Wohnkomfort.

Dass Stam seinen sozialistischen Idealen eines »menschlichen Funktionalismus« treu geblieben war, erklärt seine Übersiedlung 1948 in die SBZ, die spätere DDR. Unter Stams Leitung wurden die Dresdner Kunstakademie und die »Hochschule für Werkkunst« 1948 zur »Akademie für Bildende und Angewandte Künste« vereinigt. Seine Ziele für eine Reform der Gestaltung waren weit gesteckt und besaßen im Bauhaus den beispielgebenden Schultypus. Stam selbst hatte im Wintersemester 1928/29 als Gastdozent am Dessauer Bauhaus gelehrt. Das Konzept einer Synthese der Künste unter dem Primat der Architektur stieß jedoch auf den Widerstand vieler Vertreter der traditionellen Künste in Dresden.

Im Mai 1950 übernahm er das Direktorenamt an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. Seiner kurzen Amtszeit verdankt die Schule eine klare Struktur des Ausbildungssystems, die der Gliederung des Studienganges am Bauhaus entlehnt war. Stams Spielraum für eine Schul- und Gestaltungsreform blieb jedoch von Anfang an eng bemessen. Kulturpolitischer Dirigismus und vor allem aber die Folgen seiner öffentlichen politischen Stigmatisierung als »bürgerlicher Formalist« ließen Stam resignieren. Im Januar 1953 verließ er mit Frau Olga die DDR und kehrte nach Holland zurück, wo er bis 1955 im Amsterdamer Büro von Merkelbach und Elling mitwirkte. Nach mehr als zehnjähriger selbstständiger Arbeit als Architekt zog sich Stam mit seiner Frau in die Schweiz zurück, jahrelang unerreichbar für viele Freunde und Bekannte. Mart Stam starb am 23. Februar 1986 im Alter von 87 Jahren in Goldbach (Schweiz).

Dr. Hildtrud Ebert

A bird in your head
Mart Stam