Der Himmel ist oben, die Erde ist unten

Jule Frommelt

In ihren Fotoserien von 2005 bis 2009 griff Jule Felice Frommelt die Geschichte der eigenen Familie auf, untersuchend, wie diese sich in ihrer Zeit, vor fast 100 Jahren, posi­tionierte, und abwägend, welche Distanzen sie überwinden musste, um sich Freiheit, Leichtigkeit und Glück anzueignen, zu erfahren und zu empfinden.

Für das Werk »Die Nacht hat pfaublaue Augen« (2009), lud die Künstlerin Freundinnen und Frauen aus ihrem Bekanntenkreis ein, jede in einem melancholischen Moment fotografiert und so mit den anderen eine Gruppe bildend. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Porträtwerken (sechs große Arbeiten) sind deutlich; und indirekt deutet das Werk auch an, dass jede Serie eine kleine theatralische Inszenierung ist, eine, die nur durch die künstlerische Behauptung zu rechtfertigen ist.

Ihre etwas ältere Serie »Der Himmel ist oben, die Erde ist unten« (2008) bildet sich durch mentale Neubeleuchtung und Re-Inszenierung. Sie benutzt die Anfangszeit des Modernismus', zeigt uns die damalige Bedeutung des Reisens als Überwindung von Distanzen, um dem, was wir als unsere eigene Identität anerkennen möchten, wohl zu tun, oder es aufzulösen. In die Fremde ziehen (wissend, dass das Selbst sich fremd vorkommt), um sich frei zu fühlen, um neue Freiheiten zu empfinden, ging auf mit dem Versuch, die klassischen Ein-Bettungen und die Glaube-Liebe-Formen hinter sich zu lassen, um vor allem durch das Weiterziehen an sich Freiheit zu genießen. Eine Ihrer Serien endet mit dem Bild einer kleinen mit Reis gefüllten Schüssel, im Bild daneben ein kleines quadratartiges Lichtfeld, die Schuhe daneben. Reis, Reise versus einem Lichtfleck als zu Hause!
Durch die Belebung der Geschichte ihrer Familie sagt das ältere Werk vieles über die damaligen »Suchfelder« und über die jewei­ligen Ich-Auflösungen oder Ich-Erweiterungen aus. Die Subjekte einer end-postmodernen Zeit erkennen sich aber nicht mehr in solchen Suchfeldern, und man versteht die Künstlerin sehr wohl, wenn sie sich fragt: was wird aus dem Subjekt – aus uns – in unserer Zeit, wenn wir nur noch auf Funktionalität und Effizienz setzen, und wenn das, was wir Hoffnungs­träger nennen, nur noch im Bereich der (abstürzenden) Wirtschaftsproduktion liegt. Dass Jule Felice Frommelt in der neuen Arbeit dann das melancholische Moment auskosten möchte, leuchtet sehr wohl ein.

Das neue Werk »Die Nacht hat pfaublaue Augen« benennt sich durch Besorgtheit, Traurigkeit, durch den Blick ins Leere und durch die »Gerademiene«. Aber was ist es, das es zu einem ästhetisch gelungenen, hochsinnlichen Werk macht? Ist es das Antlitz der Einzelnen, reichen hier die schmerzvermittelnden Blicke, die Blicke des Subjekts dem das Objekt der Anschauung fehlt? Oder ist es der Versuch, das fehlende Gegenüber durch einen straighten Blick an sich zu ziehen? Oder ist es das Bild des Kollektivs, das als Gesamtbild die Betrachter auf die Positionsverschiebung des Subjekts in unserer Zeit aufmerksam macht? Eine Zeit, in der wir Lebensbereiche und soziale Beziehungen jahrelang neu geordnet und in Netzwerke integriert haben. Der Aufbau der Kommunikationströme auf digitaler Basis stimuliert den Austausch und setzt zugleich vermehrt auf Beschleunigung, macht solche Handlungen an sich schon zum wichtigsten gesellschaftlichen Handlungsträger. Ein Teil der Qualität des Werkes liegt in diesem Zustand, und hilft uns die Frage zu stellen: was, und wie müssen wir handeln um das Verbindliche in uns und in unserer Gesellschaft zu stärken.

Man spürt sofort, dass in diesem Werk das Beleuchten & In-Szene-Setzen als eine die Ruhe und das Mentale stärkende Technik benutzt werden. Die Künstlerin möchte durch das Festhalten eines einzigen Moments eine ganze Person beleben, zeigen wie sie in un-­
serer Welt steht, und wie sie diese mitformt.

Jule Felice Frommelt greift stets wieder auf diese Technik zurück, und darum fragt man sich bei der Serie »Die Nacht hat pfaublaue Augen«, wie sich das In-Szene-Setzen zur Realität verhält. Wodurch kennzeichnet sich der Realitätsgehalt, und soll dieser partout melancholischer Art sein? Inwiefern hat sie, um ihr Bild zu rechtfertigen, diese bewusst inszeniert ? Es ist aber auch der Mix zwischen Realitätsbezug und Fiktion welcher der Serie einen dokumentarischen Touch gibt, das Verlangen, sie in eine Zeit einzubinden.

Die abschweifenden, geradeaus-schauenden Blicke sind nicht sofort zu deuten, die Werke deuten aber an, dass der klassische Gefühlsraum sich stets wieder neu erfinden soll, dass er sich eigentlich immer in einer Übergangszeit befindet, dass eine sich stets verändernde Gesellschaft auch stets andere, neue menschliche Einstiege und Annäherungen voraussetzt.

Teil der Schönheit und Sinnlichkeit dieser Serie ist, das diese »Nachdenkfelder« eine konkrete Benennung verweigern, zuerst auf das melancholische Moment und die fast versteckt wirkende Zärtlichkeit aufmerksam machen, um uns dann anzuspornen, auch andere Lesemöglichkeiten einzubinden. Und gerade durch diesen weiteren Akt eröffnet das Werk sich langsam der Realität. Denn die schwebende, melancholische im Bild vorhandene Energie ist nicht nur ein Wegschauen, nicht nur Schmerz oder Verweigerung, dieses sich nicht Festlegen können impliziert auch Bewegung und die Suche nach Neuem (in kleinen Bewegungen).

Das Zum-Horizont-Gehen kommt öfters in Jule Felice Frommelts Werken vor, und unabhängig vom Kontext stellt es die Frage: zu welchem Zeitpunkt, und mit welchen Gefühlen ? Warum geht ein Mensch zum Horizont, und warum nicht zu einem Ort? Und kann die Bewegung des Zum-Horizont-Gehens nicht als ein aneinander vorbei gehen gedeutet werden, dabei die Grenzen des Raumes als zu offen erfahrend? Aber das Zum-Horizont-Gehen ist und bleibt eine Voraussetzung für stetige Erweiterung, für stetes Erleben von anderem und in sich Ein-betten. Lost in space ergibt sich nur durch den Raum, und diesen Raum kann man nur neu beleben durch das Erarbeiten von neuen kleinen sozialen Strukturen, also ein Füreinander-da-sein, um so die Identitäten zu stärken.
Harm Lux

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Der Himmel ist oben, die Erde ist unten
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