Das Unsichtbare sichtbar werden lassen

Taro Furukata

Gemäß einem berühmten Satz von Paul Klee gibt Kunst nicht das Sichtbare wieder, sondern macht das Unsichtbare sichtbar. Dies kann mit besonderem Recht für die Arbeit Taro Furukatas geltend gemacht werden, mit der geringfügigen, aber nicht unbedeutenden Variante, dass sie das Unsichtbare sichtbar werden lässt. Er arbeitet rein konzeptionell, ohne bevorzugtes Material, ohne wiedererkennbare »Stilmerkmale«, dafür mit vorgefundenen Dingen, die er daraufhin befragt, was sie mitteilen können, und bringt sie in seinen Aktionen und evtl. daraus resultierenden Installationen zum Sprechen über das, was wir normalerweise nicht sehen, was aber dennoch existiert und unsere eigene Existenz betrifft. Wenn Taro Furukata eine Reihe Kunstbücher und eine frühe Zeichnung mit einer Industrielandschaft seiner japanischen Heimat zum Selbstporträt zusammenstellt, gibt dieses keine Auskunft über sein äußerliches Aussehen, sagt aber sehr wohl eine Menge aus über die Einflüsse, die den jungen und schon früh zwischen Ost­asien und Europa pendelnden Künstler geprägt haben. Doch solche, ganz auf die eigene Person bezogenen Arbeiten sind selten in Taro Furukatas Schaffen. Eher stehen seine Umwelt, die Menschen, mit denen er zu tun hat, und allgemeine Lebenserfahrungen im Visier seiner Aufmerksamkeit.

Geradezu meditativ wirkt sein geduldiges 
Warten unter einer Kiefer, bis endlich ein Zapfen fällt, den der aufmerksame Künstler mittels eines Baseball-Schlägers mit hoher Schlagkraft aus dem freien Fall in eine andere Richtung umleitet und damit Schwer- und Fliehkraft, Erd- und Menschenkraft, nicht zuletzt Raum und Zeit in ihrem komplexen Zusammenwirken sichtbar werden läßt.

Ein in einem Haufen schwärzlich glitzernder Müllverbrennungsschlacke verborgener, mit bloßen Auge praktisch unauffindbarer schwarzer Diamant evoziert die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen, und indem er Werte und Werteordnungen, die »unsichtbar« hinter den Dingen stehen – was bestimmt den Wert eines Briefmarken-Fehldrucks, was bestimmt den Wert eines Kunstwerks? –, nachdrücklich in Frage stellt, lässt er ihre Relativität sichtbar werden.
Während eines Bildhauer-Symposiums in den Sabiner Bergen führte Taro Furukata eine Befragung der Bewohner durch, wobei sich als mehrheitlicher Wunsch die Anwesenheit eines Esels am Ort ergab, früher ein übliches Transportmittel, heute eine Rarität im italienischen Alltag. Also verwendete der Künstler sein Materialgeld, das für einen Ankauf nicht gereicht hätte, um für einen Tag einen Esel zu mieten, begleitet von zwei Straßenmusikanten, die alte Volkslieder vortrugen. Hier wurden die unsichtbaren nostalgischen Wünsche der Menschen, die auf uraltem, kulturellen Boden, aber bereits im Weichbild der Weltstadt Rom leben, in einem Akt von »sozialer Plastik« 
(Joseph Beuys) unmittelbar materialisiert.

An einer Ausstellung in den Berliner Uferhallen beteiligte sich Taro Furukata mit einer großen weißen Tafel, Teil einer alten Stellwand, also einem Überbleibsel einer früheren Ausstellung, das mehrfach hin- und hertransportiert werden musste und schließlich beiseite gestellt worden war, weil es störte. Der Künstler ließ die viele, vor der eigentlichen Ausstellung geleistete, keineswegs unnötige, aber angesichts der gezeigten Exponate unsichtbar gebliebene Vor-Arbeit sichtbar werden, indem er wie ein Kriminologe bei der Spurensicherung die Berührungen vieler Hände auf der Tafel zur Erscheinung brachte und diese als seinen Beitrag ausstellte.

Das Wissen um die Tradition japanischer Aktionskunst, wie der in Europa immer noch relativ unbekannten Gutai- oder der Han-Geijutsu-Bewegung, mag für Taro Furukata ebenso wie die jahrelange Auseinandersetzung mit westlichen Kunstformen hilfreich gewesen sein, um seine Position zu erarbeiten. Das Ergebnis ist eine überzeugende Synthese, eine eigenständige Kunst, die noch viel uns normalerweise Unsichtbares sichtbar werden lassen wird.
Matthias Bleyl

Attachments:
Download this file (alltag_1.jpg)alltag_1.jpg[<p>Alltagsgegenstände entliehen von Mitgliedern des Kunstvereins Schwerin und des Staatlichen Museums Schwerin
<br />200 × 400 × 200 cm (mit Grundfläche),<br />2007</p>]414 kB
Download this file (diamant_1.jpg)diamant_1.jpg[<p>Finding the Golden Needle in the Haystack<br />natürlicher Schwarzdiamant, 5 ct,
 Müllverbrennungsschlacke
,<br />100 × 150 × 150 cm,<br />2007</p>]402 kB
Download this file (dvd_1.jpg)dvd_1.jpg[<p>Like Question, Like Answer<br />DVD,<br />Farbe, Ton, 30 min. loop,<br />2007</p>]581 kB
Download this file (inkjet_1.jpg)inkjet_1.jpg[<p>Waiting for a Pine Cone<br />Inkjetprint auf Papier, Baseballschläger, Kienapfel
,<br />variable Maße,<br />2008</p>]341 kB
Download this file (rohr_1.jpg)rohr_1.jpg[<p>Courtesy<br />Rohspanplatte, schwarze Pigmente, Arbeitskraft der beteiligten Künstler und Mitarbeiter,<br />281 × 270 × 0,15 cm,<br />2007</p>]162 kB
Download this file (rohr_2.jpg)rohr_2.jpg[<p>Courtesy<br />Rohspanplatte, schwarze Pigmente, Arbeitskraft der beteiligten Künstler und Mitarbeiter,<br />
281 × 270 × 0,15 cm,<br />2007</p>]170 kB

Das Unsichtbare sichtbar werden lassen
Taro Furukata