A.S.M.W. 2035

Katharina Lüdicke

Katharina Lüdickes provisorische Bauten sind Tests für den Ernstfall. Auf der Basis von Beobachtungen städtebaulicher Strukturen sowie sozialer und ökologischer Missstände entwirft die Künstlerin ihre Behausungen nach dem Prinzip der Wiederverwertung und Umwidmung der Funktion einfacher Materialien wie Sperrholz, auf der Straße aufgelesenen Resten oder Schenkungen. Die Bauten sind dezidiert temporär angelegt und können prinzipiell immer wieder auf- und abgebaut werden. Dabei kann es sich beim Ort ihrer Aufstellung gleichermaßen um innerstädtische Brachflächen, öffentliche Gebäude oder auch private Grünanlagen handeln.

Der Maßstab der Prototypen ist jeweils auf die Körpergröße der Künstlerin ausgerichtet, die sich einem Selbsttest unterzieht und hierüber im Idealfall zum Nachbau und eigenem Gebrauch animieren will. Als zentrale Frage, die die Arbeiten Lüdickes immer wieder aufs Neue antreibt, kann daher die nach den Möglichkeiten des Einzelnen gelten: sich ganz gleich welcher sozialen Herkunft, mit geringsten finanziellen und materiellen Mitteln angesichts sich verknappender Rohstoffe und sich häufender Naturkatastrophen fürs Überleben zu wappnen.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Form provisorischer Architektur in einer Großstadt wie Berlin trotz zunehmender Sanierung und Ver-Bauung der Stadt bisher auf keinerlei Widerstand stieß. Im Gegenteil: Lüdickes Architekturen scheinen vielmehr Nischen zu füllen und zuvor nicht dagewesene Interaktionen mit dem Umfeld anzuregen. Selbst zwischen den neu entstandenen Townhouses an der Bernauer Straße in Berlin Mitte führte ihre Utopische Behausung (2009), in der die Künstlerin ohne weitere Absicherung nächtigte, zu einem anregenden Austausch mit den Bewohnern der Gegend und deren Unterstützung bei der Versorgung mit Lebensmitteln.

Ihr nächstes Projekt zielte von vornhinein auf Selbstversorgung ab: Für den Teich im Innenhof des Berliner Umweltbundesamtes entwarf die Künstlerin 2010 ein Floß basierend auf dem Stecksystem zweier Zelte, das über ein Regenwasserauffangsystem Wasser für den täglichen Gebrauch lieferte und zugleich die Pflanzen in einem kleinen Gewächshaus versorgte. Über den Titel der Arbeit »A.S.M.W. 2035«, der sich einerseits aus der simplen Aufschrift eines ausrangierten Zelts aus DDR-Produktion und andererseits aus einer an dystopische Filme oder Romane wie George Orwells »1984« erinnernde fiktive Jahreszahl zusammensetzt, wird das Handeln pointiert in Verbindung gebracht mit den düster herauf scheinenden Visionen über die ökologische Zukunft unseres Planeten.

Unter Einbezug der am Ort der Realisierung ihrer Projekte lebenden oder arbeitenden Bevölkerung stellt Lüdicke diesen ausweglos anmutenden Szenarien Lösungsvorschläge zur Seite, deren Praktikabilität es unter veränderten Bedingungen stets aufs Neue zu testen gilt. Die äußeren, nicht direkt beeinflussbaren Einwirkungen werden zum festen Bestandteil der künstlerischen Arbeit, die somit entscheidend durch ein prozessuales Moment bestimmt ist und stetig Veränderungen in Bezug auf ihre Umwelt unterliegt. Das Floß wurde beispielsweise während seiner ›Testphase‹ durch die schlechten Witterungsbedingungen stark in Mitleidenschaft gezogen, die Ernte betrug entgegen aller Erwartung lediglich eine Tomate. Doch in welchem Verhältnis steht dieses ›Ergebnis‹ zum Gesamtprojekt?

Als ›Tests für den Ernstfall‹ fungieren Katharina Lüdickes Bauten gleichermaßen auch als Anleitungen zum Ausstieg. Sie bieten Zufluchts- und Rückzugsorte zugleich. Die Behausungen offerieren Überlebensmöglichkeiten außerhalb einer auf Konsum und alltägliche Bequemlichkeit ausgerichteten Gesellschaft, kalkulieren dabei aber, wie das Beispiel »A.S.M.W. 2035« zeigt, immer auch das Scheitern mit ein. Sie müssen nicht zwangsläufig funktionieren, sondern zeigen vielmehr einen möglichen Weg auf. Hierin liegt gleichfalls der Unterschied zu den Projekten, die unter den Stichworten ›Zwischennutzung‹, ›mobile‹ oder ›temporäre Architektur‹ in der architektonischen Praxis inzwischen Gang und Gäbe sind. Trotz aller Ernsthaftigkeit des Unterfangens bleibt für Lüdicke das unkonventionelle Moment ihrer Bauten, die Suche nach neuen Werkstoffverbindungen und danach, wie vorhandene Materialien oder Bauelemente anders als gewöhnlich eingesetzt werden können, zentral. So realisierte sie im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2010 in Hamburg gemeinsam mit Schulkindern aus drei Bezirken mit besonders hohem Migrantenanteil das Projekt Wunschhäuser, bei denen jene aus einem von der Künstlerin entwickelten, simplen Modulsystem eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Traumarchitektur entwarfen. Diese wiederum stand im starken Kontrast zur tatsächlichen Bebauung der Stadt. Zusammengefügt ergaben die einzelnen Elemente eine betretbare, labyrinthische Struktur, die sich als Modell einer idealen Lebenssituation der heranwachsenden Generation lesen lässt und darüber künstlerische Fragen mit den ganz konkreten Bedürfnissen der Kinder verband. Besonders deutlich tritt das spielerische Moment hinsichtlich der Form und Materialität in Lüdickes eigenen kleinformatigen architektonischen Modellen hervor, die kontinuierlich parallel zu ihren auf den menschlichen Maßstab ausgerichteten Bauprojekten entstehen. Wie die lebensgroßen Projekte zeigen auch sie Möglichkeiten alternativer Bebauungen auf, deren Realisierung und tatsächlicher Gebrauch jedoch letztendlich an uns selbst liegen.

In ihrem jüngsten Projekt »NATULIS' Hütte, Bernauer Straße, II« (2011) greift Lüdicke noch einmal ganz explizit die Auseinandersetzung mit der städtebaulichen Veränderung Berlins auf. Eine in der Nähe des Mauerparks aufgestellte Werbetafel, auf der ein Bauvorhaben für weitere Townhouses an der Bernauer Straße angepriesen wird, diente hier als Grundgerüst einer einfach gezimmerte Nische mit Schlafplatz und Zeltdach. Der Kontrast zwischen luxuriösem Wohnraum versprechender Fassade und dem sich dahinter verbergenden Schutzraum könnte nicht größer sein. Über das hier vollzogene Détournement rückt die Arbeit vergleichbar mit der Utopischen Bebauung eine städtebauliche Entwicklung innerhalb Berlins in den Fokus, die geradezu als Paradigma der hierzulande bestehenden sozialen Diskrepanz gelten kann. Das Oszillieren zwischen dystopischer oder utopischer Fiktion und der gleichzeitigen Verortung in einem realen Jetzt hält Katharina Lüdickes Arbeiten in einer unauflösbaren Spannung. Ihre Projekte zielen zwar nicht primär auf konkrete bauliche Lösungen bestehender Probleme ab, vielmehr bleiben es vorrangig Tests. Doch ist deren Relevanz wiederum abhängig vom jeweiligen Zeitgeschehen.

Fiona McGovern, 2011

Attachments:
Download this file (1_ASMW.jpg)1_ASMW.jpg[<p>Floß, Zelt, Blumenregal, Gewächshaus und Katzenhaus (verschiedene Materialien)<br />220 x 200 x 300 cm<br />2010</p>]774 kB

A.S.M.W. 2035
Katharina Lüdicke