1 tonne CO2

Lena Panzlau

Um wirklich etwas zu ändern, so Klimaschützer, müssten wir unsere jährlichen CO2-Emissionen pro Kopf/Jahr auf maximal zwei Tonnen senken. Das sind für uns in Deutschland etwa elf Tonnen weniger als jetzt.

Hilflos kaufen wir mit Bio-Kiwis und 11-Watt-Leuchtmitteln unser Gewissen frei und richten unser Augenmerk auf Staaten, die für noch mehr CO2-Emissionen verantwortlich sind als wir. Wir hoffen, dass Politik und Industrie smarte, energiesparende Lösungen für uns finden und verdrängen dabei gern, dass wir ohne ein ganzheitliches Umdenken den Klimawandel nicht stoppen können. Und wenn wir ehrlich sind, haben wir auch gar keine Lust auf Sparen, auf die fade Öko-Nummer und die belehrenden Worte der grünen Klimaschutz-Projekte.
Mein Projekt ist keine wissenschaftliche Abhandlung zum Klimaschutz, keine dramatische Dystopie einer Klimakatastrophe; es ist nicht grün und es kommt ohne moralischen Zeigefinger aus.

Das Projekt will sich der abstrakten Forderung nach 1t CO2 lustvoll nähern: Was wollen wir erfinden, wie können wir umdenken und wo ist das Sparpotential, um das ehrgeizige Ziel zu erreichen? Es stellt uns als Mensch in den Mittelpunkt: Wie sähe unser Leben in einer Welt aus, in der wir unseren jährlichen CO2-Ausstoß auf 1t CO2 pro Kopf reduziert haben, eine Welt, die wir selber gestalten können?
50 UtopistInnen aus allen Alters- und Berufsgruppen suchten nach Ideen für eine lustvolle und klimafreundlichere Welt. Die Vielfalt der Gespräche und Entwürfe zeigt, dass es nicht eine einzige, sondern viele Wahrheiten und Lösungen gibt: Ein Experiment zum Nachmachen und Mitdenken – vielleicht der erste Schritt zu einer möglichen »Low Carbon Culture«.

Eine Utopie zu entwerfen heißt, sich trauen zu fragen: Was wäre wenn? Wie sieht eine 1Tonne-Kohlendioxid-Pro-Kopf-Pro-Jahr-Welt aus?
In 50 so genannten »Skribble-Sessions« nach dem Prinzip des interaktiven und vor allem interdisziplinären »Design Thinking« wurden mit jeweils 4 Leuten unterschiedliche Themen einer 1-Tonne-CO2-Welt entworfen: Was wollen wir erfinden? Wie können wir umdenken? Wo wollen wir einsparen?
Von Session zu Session ergaben sich neue Fragestellungen: Was wäre, wenn wir nur noch in Gemeinschaft essen würden? Gibt es in der »Low Carbon Culture« neue Statussymbole? Was ist der neue »Luxus«? Wie sehen die Verkehrsmittel der Zukunft aus? Wie könnte ein System aussehen, mit dem man übermäßigen CO2-Verbrauch kompensiert? Welche Folgen hätte eine Umstellung auf eine ausnahmslos saisonale Ernährung für uns? Wie kann Strom sparen Spaß machen? Brauchen wir eine CO2-Polizei? Kann man die 1-t-Welt ohne Gesetze regeln? Sieht man CO2-Sünden künftig nur noch im CO2-Museum? Leben wir alle in riesigen Wohngemeinschaften? Können wir für uns selbst Strom erzeugen? Wie bauen wir in Zukunft? Was essen wir in Zukunft? Werden wir entspannter sein? Ist unser heutiger Lebensstandard Maßstab für ein glückliches Leben?
Entstanden sind tausende Ideen für eine klimafreundlichere Zukunft inklusive vieler Kuriositäten und Paradoxien, die sich daraus ergeben könnten.
Unsere Utopie hat ihren Ausgangspunkt in der Gegenwart, ist nicht perfekt, nicht komplett, nicht ausschließlich. Sie schafft Raum für Kritik und bietet die Möglichkeit, die gegenwärtigen Strukturen zu hinterfragen und Grenzen neu zu stecken. Kann uns utopisches Denken beim Entwerfen und Entwickeln kreativer Ideen helfen, neue Arbeits-Räume zu eröffnen?

Als Ergebnis meiner Arbeit entstehen unzählige Skizzen, eine Filmdokumentation und der Entwurf für eine erweiterbare Ideen-Plattform im Internet. Zusammenfassend wurde eine Projektdokumentation in Buchform gestaltet.
Der erste Teil des Buches dokumentiert die Recherche zum Thema CO2 und beschreibt die Problematik. Dabei habe ich meinen eigenen Alltag untersucht: Wo steckt CO2? Welche Form hat CO2? Was ist CO2 überhaupt? Ich habe die CO2-Emmission einer italienischen Nudel mit der eines Kilos Brandenburger Kartoffeln verglichen.

Der zweite Teil des Buches dokumentiert die Diskussion und den Entwurfsprozess in den interdisziplinären Gruppen.
Teil drei bildet ein »utopisches Lexikon«, eine Sammlung der Ideen mit Text und Bild von A–Z. Es ist aufgebaut wie ein konventionelles Lexikon. Die Begriffe sind untereinander verknüpft. Auch die im zweiten Teil gefallenen Begriffe verweisen auf das Lexikon. Die Vorstellung einer einzig existierenden Wahrheit wird in Frage gestellt.

wwwwwwww ist ein kreativ-utopischer Umgang mit der Klimaproblematik. Ein Projekt, das Lust machen kann, zum Umdenken, zur Suche nach Alternativen und zum Reduzieren unserer persönlichen CO2-Emission.
Das Projekt macht Mut und liefert Inspiration gegen einen großen Zukunfts-Pessimismus, der unsere Gesellschaft lähmt und den kreativen Wandel verhindert. Es nutzt »Kreativ-Denken« als Antrieb für Innovationen und die Utopie als Denkraum und kreative Spielwiese. Die spielerische unvoreingenommene Herangehensweise zeichnet dieses Projekt für mich aus und ich wünsche mir ein Kommunikationsdesign, das Inhalte ebenso am Kern packt und den kommunikativen Aspekt der Designarbeit betont.
In Zusammenarbeit mit einem Klimaforschungsinstitut und im Rahmen einer Sommerakademie werden 2011 weitere Ideen-Sessions in interdisziplinären Gruppen öffentlich stattfinden. Eine Veröffentlichung des Buches bzw. des Lexikons ist in Planung; Partner zur Umsetzung werden derzeit gesucht.
Lena Panzlau

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