Stille Bewegung – Stummer Zeuge

Skugga Gudlaugsdottir

Form ist eine Behauptung, die einer inhaltlichen Annahme zu folgen scheint. Diese Behauptung (Form)  ist unwiderlegbar, da die physische Beweislage erdrückend ist. Dieser behauptende Charakter birgt einen Vollkommenheitsanspruch, der die, ihr vorausgegangen inhaltlichen Annahmen in einen tiefen Schatten hüllt. Um diesem Schatten zu entkommen, muss sich die Annahme im Feld der Erfahrung behaupten.

»Ich würde der Utopie die Erfahrung, das Experiment entgegensetzen« ¹

Einer Utopie steht das verhärtete Substrat einer Erfahrung und der aus ihr gewonnenen Schlüsse entgegen. Die festen Knotenpunkte der utopischen Behauptungen können sich in der Vielzahl von kleinen, kaum wahrnehmbaren Ereignissen lösen. Ein experimenteller Rahmen (Labor, Versuch) kann durch seine operative Objektivität diese versteckten und beweglichen Teilchen zum Sprechen bringen.

Eine »essentielle« Form gibt es nicht. Sie ist hier nur die Auslegung eines zunächst unsichtbaren Vorgangs, dessen Vermittler sie spielt. Ihre vermeintliche Offenheit folgt dieser vermittelnden Rolle.
Behauptungen, Annahmen, Utopien bzw. Erfahrungen sind nur die Kontrahenten eines Spiels, das keine Gewinner kennt. Sie zeugen von einem Streit, bei dem »(...)der Zusammenhang gegen das Ereignis, die Entwicklung gegen den Bruch, das Wesen gegen die Erscheinung« ², ausgespielt werden. Eine Annahme muss behauptet werden und wird somit oberflächlich. Ihr Wesen ist nicht ihre Erscheinung und ihre Erscheinung nicht ihr Wesen.

»Der Stumme und der Sprechende(...)treten in eine Zone der Ununterscheidbarkeit ein, in der es unmöglich ist, (...) die geträumte Substanz des Ich zu identifizieren und damit den wirklichen Zeugen.« ³

Diese Ununterscheidbarkeit hat etwas von einem Betrug. Form behauptet ihre Wahrheit an und durch ihrer Oberfläche. Sie kann somit nur oberflächlich betrachtet werden. Ihre Souveränitätsbehauptung ist die Physis. Diese gegebene Oberflächlichkeit ist das Dilemma ihrer Vermittlerrolle. Um diesem Dilemma zumindest im Ansatz etwas entgegen stellen zu können, braucht es ein Motiv als Ordnungskategorie.
Das Motiv ist zunächst erst einmal das Potential aus dem eine Handlung entsteht.

Es ist z.B. im juristischen Prozess einer der Hauptpunkte der Wahrheitsfindung. Das Zusammenspiel zwischen Motiv, Beweismitteln und Zeugen soll die gewesene Tat ordnen und einen Verdacht beweisen. Beweisaufnahme, Motivsuche und Zeugenvernehmung sind die Sammlung der Möglichkeitsbedingungen und deren Ordnungsversuche.

Diese Ordnungsversuche stehen unter dem massiven Druck einer Vernunft, die natürlicherweise nicht der Kritik nahesteht. Diese Vernunft ist auf dem Nutzen und der Effizienz aufgebaut. Ein zu starkes Annähern an Nutzen und Effizienz, birgt die Gefahr des Schauprozesses. Solch ein Prozess will nur das Urteil bestätigen, welches schon vorher fest steht. Das kritische Experiment hingegen, stellt die Annahmen sowie deren mögliches Scheitern, dem Nutzen und der Effizienz entgegen. Dieser Versuch, Zeugnis abzulegen für stille Bewegungen oder den stummen Zeugen, das Hintergrundrauschen, oder das unverständliche Gemurmel, steht dem Scheitern oft näher als sich selbst. Die Möglichkeit des Scheiterns, die dieser Unternehmung eigen ist, ist Utopie, die es wiederum braucht, um die Selbsterhaltung (Nutzen und Effizienz) und somit den Souverän (Form) in Frage zu stellen und die Erfahrung zu suchen.

Marco Dorn, Berlin 2011

¹ Ralf Konersmann »Der Philosoph mit der Maske« in: Michel Foucault »Die Ordnung des Diskurses«, Frankfurt am Main 2007, Seite: 76. Original aus einem Gespräch zwischen Foucault mit Studenten (»Die Subversion des Wissens«)
² Ralf Konersmann, a.a.O.
³ Giorgio Agamben »Was von Auschwitz bleibt – Das Archiv und der Zeuge«, Frankfurt am Main 2003, Seite: 105

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