shaping weaves weaving shapes

Die Vorstellungskraft erlaubt es dem Menschen, in der Fläche Räumlichkeit wahrzunehmen und vice versa Räumlichkeit auf die zweite Dimension zu reduzieren. Es ist ihm möglich in flachen Bildschirmen dreidimensionale Räume zu sehen, aber ebenso Räumliches, beispielsweise mittels der Zeichnung, in die Fläche zu übertragen. Das Projekt shaping weaves weaving shapes nutzt diese Sehgewohnheiten des Menschen. Es materialisiert die Übergänge zwischen 2 D und 3 D in einer Serie von gewebten Objekten und eröffnet damit vielfältige Möglichkeiten, mit dem Ziel, neue aktive ästhetische Qualitäten hervorzubringen. Hierbei ist zu beachten, dass jedes Gewebe schon latent dreidimensional angelegt ist. Damit sich aber tatsächlich plastische Formen ausbilden, die eine eigene Spannung und Stabilität besitzen, ist die Wahl der Garne und das Entwickeln eines eigenen, komplexen Systems von Bindungen (dem Ordnungsprinzip der beiden Fadensysteme Kette und Schuss) essentiell. 

Ausgangspunkt ist dabei eine Betrachtungsweise, in der das Gewebe nicht als Bild bzw. gemustertes Flächengefüge, sondern als räumliches Gebilde begriffen wird. Für die Umsetzung bedeutet das, durch das Weben mehrerer übereinanderliegender Ebenen den Eindruck von räumlicher Tiefe zu erzeugen. Die Konstruktion dieser spezifischen Gewebebindungen und die Verwendung aktiver Garne, wie Bananenfaser, Kupferdraht und stark überdrehte Wolle bewirken Synergien, die aus der Fläche ein räumliches Objekt entstehen lassen. 

Das Erkennen formaler Gemeinsamkeiten zwischen diesen mehrlagigen Geweben und Harmonie-Kurven, die zur Darstellung und Berechnung von Frequenzen u.a. in der Mathematik und Musik verwendet werden, führte zur Zusammenarbeit mit einem Architekten, der die sogenannten Lissajous-Figuren als parametrisches Gestaltungs-Werkzeug nutzt. So konnte die Planung und Visualisierung der Web-Strukturen mittels eines digitalen 3D Programmes vorgenommen werden, musste aber für den Webstuhl analog (in Handarbeit) in die zweite Dimension übersetzt werden, da eine geeignete Software-Schnittstelle nicht vorhanden ist. In diesem Dialog zwischen Architektur und Textiler Tektonik wurden die konventionellen Gestaltungsmöglichkeiten des Webstuhls weitergedacht, neue Schnittstellen und Werkzeuge entwickelt und eigene Konstruktionssysteme ausgearbeitet. Dieser Gestaltungsvorgang bedient sich Darstellungsformen, die gewöhnlich nicht im Textil-Design Verwendung finden und erweitert somit den Kanon der Disziplin.

Im Zentrum des Projektes steht das experimentelle Erforschen der Spannung von Material, Technologie und Ästhetik. Es lassen sich zwar anwendungsorientierte Aspekte und Funktionen daraus ableiten, das wesentliche Element ist jedoch, ein Material zu entwickeln, das nicht nur einer linearen Logik für funktionsgebundene Anwendungen folgt. Vielmehr liegt der Reiz darin, eine Herausforderung an die Wahrnehmung zu stellen, die Bedeutung des Materials und das eigene Verhältnis zu ihm zu erfassen. Die Serie von Geweben bietet trotz und dank genauester Planung, unberechenbare, lebendige Strukturen und Gegenstücke, deren eigenwillige kinetische Eigenschaften in der Interaktion erfahrbar werden. In diesem etwas unbegreiflichen Verhalten manifestiert sich der Ansatz, dass Material nicht passives Mittel ist, das bedingungslos einer Funktion unterliegt, sondern das – aufgrund seiner Eigenständigkeit – fähig ist, eine emotionale Wirkung auszulösen und imaginäre Dimensionen zu eröffnen. 

In diesem Sinne thematisiert shaping weaves weaving shapes auch das Verhältnis zwischen Gestalterin / Gestalter und Gestaltetem. Wechselbeziehung wird zur Methode des Gestaltungsverfahrens. Die Entwicklung der Gewebe und deren Eigenschaften geschieht im Dialog mit dem Roh-Material: Die Organisationsstruktur ist so geplant, dass die Garne die Freiheit haben, mit ihren charakteristischen Eigenschaften die finale Form zu generieren. Was aus der Sicht der Gestalterin /des Gestalters ein Formfindungsprozess ist, ist aus der Perspektive des Garnes reine Formgebung. Überraschung, Verformung, Veränderung sind willkommene Elemente im System, das die Offenheit besitzt, Entdeckungen zuzulassen um neue Verbindungen zu schaffen.

Komplexität ist im weiteren Zusammenhang das Leitmotiv, nicht nur was die technische Komplexität der Gewebe betrifft. Die Komplexität der Bezüge und Interaktion ist Teil der Ästhetik, die sich nicht in einer reizvollen oder schönen Erscheinung erschöpft.  Es geht vielmehr um die Gesamtheit des Funktionierens der Objekte und die Bezüge, die sie zur Benutzerin bzw. Gestalterin / zum Benutzer bzw.Gestalter, zu sich selbst, zum Material herstellt. Gedachtes, imaginäres, konstruiertes und reales Objekt gleichzeitig, das sowohl über das Denken als auch über die Sinne, als etwas Äußeres, erfahren wird. 

In shaping weaves weaving shapes scheinen sich vermeintliche Dichotomien aufzulösen: zweidimensional – dreidimensional, natürlich – künstlich, Planung – Eigenverhalten, Subjekt – Objekt, Technik – Ästhetik, Sachverstand – Emotion, Begrenzung – Offenheit, Formlosigkeit – Form. Dabei wird die Analogie zur ebenso gegenläufig anmutenden Arbeitsweise deutlich, die sich als intuitiv – analytisch bezeichnen lässt. Schließlich resultiert aus dieser Arbeitsweise die Erkenntnis, dass die Intuition ein wichtiges Instrument ist, sich auf freiem Feld einen Weg zu bahnen. Dass die Fähigkeit zur Analyse dieses Weges dabei hilft, Bezüge innerhalb eines größeren Systems herzustellen. Dass sich Intuition und Analyse nicht gegenseitig ausschließen sondern bedingen und gegenseitig befruchten; mit dem Effekt, konventionelle Grenzen zu überschreiten. Wie es sich in der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Architektur und Textil-Design zeigte, ist es wesentlich, die Fähigkeit zu entwickeln, die eigene Arbeit klar aufzubereiten, um sie der/ dem anderen verständlich machen zu können. Abstraktionsvermögen und die Motivation, die Facheigene Notationsform übersetzen zu lernen, sind hierbei wichtige Werkzeuge um gemeinsam neue Perspektiven auszubilden. 

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Ursula Wagner