Ohne Titel heißt die letzte Ausstellung des Berliner Künstlers Anselm Schenkluhn. Ohne Titel existiert vielleicht. Zusammengestellt, um an verschiedenen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten gesehen zu werden, ist Ohne Titel eine Art Retrospektive von Arbeiten, die noch nie gezeigt und vielleicht sogar nicht einmal entworfen wurden. Ihre Vernissage hat noch nicht stattgefunden, ihre Vernissage wird morgen stattfinden. Ohne Titel könnte Anselm Schenkluhns nächste Ausstellung sein. Man betritt sie durch eine erste Tür, gefolgt von einer nächsten, dann kommen noch weitere, die sich immer zu einem ganz neuen, unberührten Raum hin öffnen. Mit jedem Eintritt geht es darum, sich auf eine andere Weise die Welt zu erschließen, sich in ihr zu bewegen, sich mit ihr zu verbinden. Jedes Kunstwerk ruft zur Wahrnehmung einer neuen Umgebung auf, die zu durchdenken, zu strukturieren und auch zu erschaffen jedem Einzelnen ermöglicht wird. Es ist der Geburtsort einer zukünftigen Geschichte, die noch nicht erfunden wurde und wo das Empfinden von Raum, Zeit und Linearität nach einer eigenen Logik funktioniert.

Ohne Titel ist nicht die erste Ausstellung Anselm Schenkluhns. Wie viele andere, trägt sie die abenteuerliche Spur eines Bildes, einer Entdeckung, einer Idee in sich, die in der Vorgeschichte ihrer Verwirklichung angesiedelt ist. Es ist zwecklos, diese Spuren zurückverfolgen oder sich an ihnen festhalten zu wollen, denn sie wandeln sich stets im Kontakt mit anderen Bildern, anderen Entdeckungen und anderen Ideen, mit denen der Künstler sie in seinem Prozess des Suchens und des Schaffens verbindet. Dieser stete Fort-Gang folgt ganz eigenen Regeln, die niemals vorher festgelegt sind. Ungewissheiten, Zufälle und einzigartige Kontexte wirken darauf ein, ohne dass ich sie wahrnehme. Nichts ist sicher, nichts ist fest. Und trotzdem ist es so klar.

In seiner jüngsten Ausstellung hat Anselm Schenkluhn eine seiner Arbeiten Ohne Titel genannt. Es handelt sich hierbei um eine Kunstaktion mit erleuchteten Neonröhren, die durch eine Baumstamm im Innenhof eines Gebäudekomplexes gesteckt sind, der als Ausstellungsort dient. Es ist nicht das erste Mal, dass Anselm Schenkluhn für seine Arbeiten Neonröhren verwendet, es ist nicht das erste Mal, dass er auf Bäume zurückgreift, und es ist auch nicht das erste Mal, dass er eine Installation mit Ohne Titel bezeichnet - aber diese hier ist dennoch nicht mit den anderen vergleichbar. Wenn man einen retrospektiven Blick auf die plastische Produktion des jungen Künstlers wirft, der vor Kurzem sein Studium an der weißensee kunsthochschule berlin (KHB) abschloss, dann überblickt man ein ausgewogenes, gut strukturiertes Werk mit einer bestimmten Anzahl wiederkehrender Motive. Diese verweisen auf eine ganz eigene Auseinandersetzung mit einer Natur, die stets durch ein unsichtbares Prisma, durch vielfältige Verbindungen und Brechungen deformiert wird. Was ist das für eine Welt, in der das Licht die Bäume durchquert, in der Schiffe nicht auf dem Wasser fahren, und in der die Berge sich in einer Hand halten lassen? Was sind das für Landschaften, die gleichzeitig so merkwürdig und so vertraut erscheinen? Und wie schaffen sie es, dass ich mich in ihnen so viel wohler fühle, als im Wirklichen?

Darin liegt die größte Stärke dieser Kunst. Anselm Schenkluhn gelingt es, durch bestimmte Denkprozesse und kluge Formexperimente eine immer neue Welt zu schaffen, die stets anders und immer unergründlich ist. Die Verbindung aus miteinander korrespondierenden Motiven, Techniken und Materialien lassen seine Werke nicht weniger autonom erscheinen. Sie erzeugen Fragen und hüten sich gleichzeitig vor festen Antworten. Sie führen zu einer beinahe erinnerungstrügerischen Wahrnehmung, zu einem Gefühl der Irrealität, des seltsam Anmutenden und des Traums. Wer in das Werk Anselm Schenkluhns eintritt, muss es nicht zuletzt auch auszuhalten können, sich darin zu verlieren. Ich verlasse ein Stück Welt für ein anderes und bleibe trotzdem am gleichen Ort. Ich sehe Landschaften, die ich nicht beschreiben kann. Und alles schwankt.

Mentor: Prof. Albrecht Schäfer

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Ohne Titel
Anselm Schenkluhn