(…) das Licht ist hier, obschon ungreifbar, doch ein körperliches Medium, eine Haut ¹

Gernot Böhme schreibt in seinem Buch Anmutungen, Licht sei ein Quasi-Ding. Licht entfaltet sich zwischen den äußeren Dingen als Helligkeit, die sich von Schatten abgrenzt. Es bringt die Dinge zur Erscheinung und ist selbst als solches nicht sichtbar. CharlotteWieses Xerografien scheinen diesen widersprüchlichen Charakter des Lichts zu erforschen. Die überlagerten Hell-Dunkelflächen, die in wohlkomponierten Grauabstufungen changieren, sind zarte Schleier, die atmosphärisch schwingen und zugleich konkrete Formen, die das Bild architektonisch einnehmen und Räumlichkeiten konstruieren.

Diese spannungsvolle Qualität erreicht die Künstlerin über ein aufwendiges Verfahren, das sie mit einer Fotokopiermaschine entwickelt hat. Will man technisch präzise sein, handelt es sich bei den Arbeiten um Elektrofotografien. Ausgehend von skizzenhaften Konstruktionszeichnungen, werden mit Schablonen einzelne Flächen nach und nach übereinander kopiert und miteinander verschränkt. Dabei nimmt Charlotte Wiese ganz bewusst Einfluss auf den Lichteinfall und variiert so die graduellen Unterschiede innerhalb der Hell-Dunkelverläufe. Es ist ein minimaler Spielraum, der die Farbigkeit der Flächen bestimmt. Komplett kontrolliert werden kann dieser Prozess aber nicht, und so ist jede Arbeit trotz des präzisen Verfahrens auch Zufälligkeiten überlassen.
Wie ausgefeilt diese Technik ist, sieht man an den weichen Verläufen, die die Flächen zum Schweben bringen. Wie Silver Linings, Sonnenstrahlen, die durch dunkle Wolken brechen, durchlaufen die geometrischen Formen den Bildraum. Von den groben schwarzgrauen Streifen, die ungewollt hin und wieder ein kopiertes Dokument durchziehen, ist keine Spur mehr. Dieses Störmoment der Kopiermaschine wird bei Charlotte vielmehr ausgenutzt, um jene ästhetische Qualität zu erreichen. Das Kopieren als Entstehungsprozess verschleiern will die Künstlerin aber nicht. So verwendet Charlotte Wiese bewusst einfaches Kopierpapier und verweist gerne auf zittrige Linien und Unbestimmtheitsmomente, die sichtbar machen, dass es sich tatsächlich um Fotokopien handelt.

Eine Poetisierung des maschinellen Vorgangs, das ist es, was dieses Verfahren am besten beschreibt. Der Kopierer, ein pragmatischer Vervielfältiger, der darauf angelegt ist, möglichst klare Kontraste zu drucken, Information zu reduzieren und sie so einfach wie möglich zu wiederholen, wird in ein sensibles Zeichengerät verwandelt. Mit der Akribie, die Charlotte Wiese dem Kopierer abverlangt, wird der bürokratische Kopiervorgang zu einem Kunstgriff, der ambivalente Flächen und Strukturen erschafft, die Unikate sind. Die Xerografien sind keine serielle Produktion, sondern loten die unendlichen Möglichkeiten einer Lichtmaschine aus.
Licht zu beschreiben und sichtbar zu machen, ist neben der Physik immer auch ein Anliegen der Kunst gewesen. [D]ie Lichtarchitektur gotischer Kathedralen beruh[t]e darauf, daß die Staubpartikel in der Luft die Lichtstrahlen sichtbar machen.² Der Begriff Fotografie, der nichts anderes bedeutet, als Zeichnen oder Schreiben mit Licht, erklärte das Licht schließlich zum Protagonisten der Bildproduktion.

In den durchscheinenden und überblendeten Flächen, die die Bildkompositionen der Xerographien gestalten, wird das Licht nun aber auch in seiner abstrakten und sphärischen Qualität erfahrbar, ohne auf einen Gegenstand der äußeren Welt zu verweisen. Hell und Dunkel treten als Kategorien in Erscheinung, die sich zwischen Materialität und Immaterialität bewegen.
Text: Charlotte Silbermann


Betreuer: Prof. Tristan Pranyko.

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Lichtkonstruktionen
Charlotte Wiese